Die Geschichte

Huntsville, Texas – Ein verschlafenes Provinznest, das sich kaum unterscheidet von den unzähligen anderen, übers Land verstreuten texanischen Ortschaften ohne Stadtkern und Charme. Doch spätestens, wenn man die 11. Strasse entlang fährt, merkt man, dass etwas nicht stimmt in dieser Stadt. Mächtige, rote Backsteinmauern ragen in den Himmel: «The Walls Unit», das Zentralgefängnis – eine Tötungsmaschine.

Am 26. März 2003 wurde der schizophrene Frauenmörder James Colburn in Huntsville mit der Giftspritze hingerichtet. Wir erfahren die Geschichte seiner Schwester Tina, welche ihm im Moment, als das tödliche Gift in seine Venen fliesst, durch die Glasscheibe aus dem Zuschauerraum zuruft: «Ich liebe dich!». Die Exekution wird fotografisch ausgeklammert – es ist die Geschichte von der persönlichen Tragödie von Tina. Wir sind dabei, wenn sie eine Stunde vor der Exekution das letzte Mal mit ihrem Bruder telefoniert. Oder wenn sie ihn das erste Mal seit fast zehn Jahren berühren darf, kurz nach seinem Tod: Besuchern ist im Texanischen Todestrakt der direkte Körperkontakt zu ihren Angehörigen untersagt. 

Das Projekt

Dem nachhaltigen Journalismus verpflichtet, möchte ich Tina zehn Jahre nach der Exekution ihres Bruders nochmals besuchen. Die geplante Audioslideshow knüpft an den Ereignissen vor zehn Jahren an. Die im Jahr 2004 mit dem «Magazin Fotopreis» ausgezeichnete Fotoreportage wird durch neue Videos, Interviews und Fotos ergänzt. 

Die Audioslideshow lässt sich unter anderem in einem Modul zur Menschenrechtsbildung an Schulen verwenden. Wir erkennen, dass zwischen Gut und Böse zu unterscheiden kaum möglich ist: Es gibt Opfer und Täter – doch die Täter können zu Opfern werden und umgekehrt.

In einem ersten Schritt soll die Recherche in Texas finanziert werden: Reise, Unterkunft, Auto und Verpflegung. Dafür brauche ich eure Unterstützung. Der zweite Schritt findet in Luzern am Schnittplatz statt: Es entsteht eine multimediale Dokumentation, die dank des Internets weltweit angeschaut werden kann.

Herausforderungen

Im Jahr 2003 konnte ich Tinas Geschichte fotografieren, weil sie mir Türen öffnete: Die Tür zu ihre kleinen Haus in Conroe sowie die Tür zum Bestattungsunternehmen in Huntsville, wo ihr eben exekutierter Bruder aufgebahrt war. Und sie öffnete mir die Türe zu ihrem Herzen. 

Im Fotojournalismus braucht man Menschen, die einem die Türen öffnen. Aber das Wichtigste ist für mich der Respekt gegenüber Tina und ihrer Geschichte. Nachdem ich mit der Facebookseite «Diary of an execution» online ging, erhielt sie viele negative oder hasserfüllte Kommentare von texanischen «Rednecks». 

Ich bin darauf angewiesen, was Tina mir zeigen möchte aus ihrem Leben und dem ihres Ehemannes – ohne beide in Schwierigkeiten zu bringen.

Tina hat mir versichert, ich hätte die volle Unterstützung von ihrer gesamten Familie.