Das künstlerische Konzept: Enzyklopädie in Bildern des heutigen Alltags

Mich interessiert der private, alltägliche Raum in der Öffentlichkeit. Es geht mir um Situationen, in denen sich Menschen unbeobachtet fühlen. Diese Momente versuche ich, mit der Kamera festzuhalten: dem Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren den Raum zurückgeben, den es verdient. So entsteht eine «Enzyklopädie des Alltags» in Anlehnung an Roland Barthes: «Die Zerbrechlichkeit, in der wir uns bewegen – … so besteht das Leben aus kleinen Einsamkeiten.»

Japan im Oktober 2008: Mit einem Bild beginnt ein mehrjähriges Projekt. Ich gehe auf Reisen, sie führen mich nach Japan, Spanien, Italien, England und natürlich habe ich auch die Schweiz «erwandert». Meine Beobachtungen halte ich analog meiner Bewegung in Bildern fest. Die fotografisch-filmischen Serien von Menschen/Dingen sind chronologisch angelegt, nach Orten sowie Jahres- und Tageszeiten. Die Reisen sind gleichzeitig das Raster für die mehrbändige bibliophile Buchreihe (5 Fotobildbände, Manga-Stil, japanische Bindung) – die adäquate Weise mit dieser Bilderflut und Unmittelbarkeit zu erzählen.

Wie entstehen die Bilder?

Normalerweise suchen die Bilder mich … Durch eine Situation, einen Reiz irgendwo in meiner Umgebung werde ich von Bild zu Bild getragen, bis keine Bilder mehr ’kommen’. Es bildet sich eine spezielle Atmosphäre, eine Spannung zwischen den Botschaften. … Und so platzen sie wie Seifenblasen – die Kommunikation wird abgebrochen, so höre ich auf zu fotografieren. Ich bin also immer parat, ich ’fotografiere nicht einfach’.

Ich zoome die Bilder digital heran, dadurch wirken sie weniger «professionell», sondern erinnern an die Ästhetik von Paparazzi-Bildern. Der Einsatz einer semiprofessionellen Digitalkamera bewirkt eine Auslösungsverzögerung – ich kann das Bild nur bis zu einem gewissen Punkt steuern und dann gibt es diesen sogenannten «blinden Moment» – die «Akteure» schauen z. B. zufällig weg, bücken sich, schließen die Augen oder laufen aus dem Bild und verschwinden aus dem Fokus und/oder werden teilweise unscharf. Es entsteht eine «private Ästhetik». Ich bezeichne diese Bilder als Stillleben des 21. Jahrhunderts: (meist) alltägliche Szenen, die in ihren Details viel über unsere Gesellschaft erzählen. Es sind die kleinen Dinge, die einfachen Geschichten, die er in seinen Bildern einfängt: etwa eine Zigarettenschachtel, die mehrmals überfahren wurde und zerdrückt und nass auf der Straße liegengeblieben ist; die Poster in Kinderzimmern mit Spiderman-Motiven; Menschen, die miteinander streiten, gerade zur Arbeit fahren oder still auf einer Parkbank sitzen. Bewusst wird die Privatsphäre anders behandelt als beim Boulevardstil der Promi-Paparazzi oder beim «Zur-Schau-Stellen» in den virtuellen sozialen Netzwerken.

Hier kommt auch mein Interesse an den Massenmedien, ihrer Reproduzierbarkeit, der Digitalisierung und den «Stillleben der heutigen Zeit» ins Spiel. Ich frage nach der Bewusstheit im Alltag, nach den Speicherorten dieser Bilder. Und hinterfrage selbstkritisch meine Arbeit als Fotograf, der selbst jeden Tag neue Bilder produziert.

Der Titel «Johnny Walker on the beach» (Walker = Herumreisender, Flaneur)

Während meiner Japanreise inspiriert mich als Künstler eine Figur aus Haruki Murakamis Buch «Kafka am Strand». Johnnie Walker verstehe ich als Figur aus der Pop-Art und als Symbol für einen Herumreisenden, jedoch nicht naiv und kitschig. Vielmehr sehe ich sein Projekt als eine Fortführung der Arbeiten von Paul Strand (anonyme Frau auf der Parkbank in NYC, 1916) oder Beat Streuli (anonyme Strassenbilder «Eight Av./35th Street 02» 2003). Zudem setzte ich einen Gegenpol zum Neofotorealismus des «In-Szene-Setzens-der-Sujets» wie beispielsweise bei Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky und erteilt dem heutigen Bedürfnis nach Orientierung und starken Symbolen (Marken) eine Absage.

Wichtig: Ich mache den Alltag noch alltäglicher im Sinne von Marianne Preslauer: «Interessiert hat mich nur die Realität, und zwar die unwichtige, die übersehene, von der grossen Masse unbeachtete Realität.»

Die «reine», fotografisch-filmische Erzählweise braucht eine «Übersetzung» in Form einer wahren Bilderflut, die im Durchblättern den Betrachtern das Nachvollziehen meiner narrativen Bilderzyklen ermöglicht. Ich denke an fünf Bände mit insgesamt 1320 Bildern in japanischer Bindung, in Anbindung an den sogenannten Manga-Stil.

Die druck- und bindetechnisch aussergewöhnliche Verarbeitung meiner Fotobücher lässt sie zum Objekt werden.

  • Format: 150 x 210mm (Hochformat), je Seite 1 Bild (randabfallend)
  • Umfang: 5 Bände, 528 Seiten je Band
  • Papier FSC: Inhalt: Z-Offset W 60 gm2 holzfrei, Umschlag: Softcover 240 gm2 Z-Offset W, Vor- und Nachsatz: noch offen
  • Auflage: 500 Ex.
  • Sprachen: D/E kombiniert, Erstauflage ca. 500 Exemplare
  • Lektorat: noch offen
  • Druck & PrePress: noch offen
  • Gestaltung Umschlag & Typographie: Emanuel Tschumi, Zürich
  • Bilderabfolge Inhalt: Francisco Paco Carrascosa (Künstler)
  • Internationaler Vertrieb: z.B. Verlag für moderne Kunst Nürnberg