Recumpensa rumantschaVon Tim Krohn, am 15.12.2017 20:50

Liebe Miteifernde

Für die letzten Tage unseres Crowdfundings eine Belohnung speziell für Romanisch Schreibende - kommt her und arbeitet mit mir an euren deutschen Übersetzungen oder Texten. Denn Haus Parli soll nicht zuletzt ein Ort für romanische Literatur sein.

Chars salüds Tim

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HeldenVon Tim Krohn, am 12.12.2017 14:43

Leute, ihr seid meine Helden!

Tatsächlich haben wir unser stolz gestecktes Etappenziel erreicht, 33’000 zu Ende der Woche 3. Nun greifen wir nach den Sternen: 44’000 sollen es zum Schluss sein, denn das würde heissen, dass neben der kleinen Einliegerwohnung auch die beiden prächtigen Flure und ein weiteres Atelier beheizt wären, wenn ihr uns besucht - und damit ist schon ein regulärer Betrieb garantiert. Seid daher so lieb, werbt weiter, oder verschenkt noch die eine oder andere Belohnung zu Weihnachten. Ich erinnere daran, als «Gutschein» gibt es eine Geschichte, die ihr unterm Christbaum lesen könnt.

Alles Liebe! Tim

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Frohen AdventVon Tim Krohn, am 10.12.2017 13:50

Zum wiederholten Dank für all eure Unterstützung eine weitere Adventsgeschichte (inklusive kleine Predigt):

Kompetenz

Eigentlich hatte Pit vorgehabt, den Heiligabend mit seinen Eltern und Brüdern zu verbringen. Doch als er zuhause anrief, um sich zu erkundigen, wann gegessen wurde und ob es noch etwas zu besorgen gab, stritt er sich mit seinem Vater gleich wieder so heftig, dass er es vorzog, in der Röntgenstrasse zu bleiben. Petzi war schon seit dem Morgen in Rheineck, um ihrer Mutter noch beim Einkauf zu helfen und danach traditionsgemäß gemeinsam mit ihrem Vater den Baum zu schmücken. Natürlich wäre Pit bei Petzis Eltern auch willkommen gewesen, aber er fand es romantischer, in männlicher Askese dem ganzen Festtagstrubel zu trotzen. Als es eben dunkel wurde, klingelte aber Hubert Brechbühl und stand mit einem großen Kochtopf vor der Tür. «Ich sah Licht bei euch und dachte, vielleicht könnt ihr noch etwas zu essen gebrauchen», erklärte er. «Edith-Samyra hat für zehn Leute gekocht, dann ist sie nach Thun gefahren, und ich sitze auf den ganzen Gänsekeulchen.» Und als Pit ihm sagte, dass er allein war, schlug Hubert vor, sie beide könnten etwas musizieren und danach gemeinsam essen. Daraus wurde ein sehr schöner Abend. Erst übten sie Charlie Hadens Song for Che, den Pit kurz zuvor bei seinem neuen Zeitvertreib entdeckt hatte – er saß ganze Tage lang bei Jecklin in der Jazzabteilung und hörte sich durch die Regale. Dann aßen sie die Gänsekeulchen, und zwar alle, Pit hatte noch nie so zarte Gans gegessen. Während des Essens schwärmte er Hubert von Glenn Gould vor, den Hubert noch nicht einmal dem Namen nach kannte und über dessen beide Aufnahmen der Goldberg-Variationen Pit seine Maturaarbeit geschrieben hatte. Als Nachtisch hörten sie sich hintereinander weg erst die 1955-er, dann die 1981-er-Aufnahme an. Hubert zeigte sich begeistert, was man alles hören konnte und wie plastisch die Musik doch wurde, wenn man Kenntnisse hatte wie Pit. Allein die Tatsache, dass die ’81-er in einem Beat gespielt war und nicht wie die ’55-er aus in sich abgeschlossenen Takes bestand, sondern einen großen, radikalen Bogen spannte, innerhalb dessen Gould das Tempo immer wieder mal verdoppelte, so dass es endlich sage und schreibe das 16fache der Eingangs-Aria betrug – eine Zahl, die sich dazu mehrmals spiegelte, beispielsweise darin, dass die Aria zweimal 16 Takte hatte und das ganze Werk in wiederum zwei Sätze mit je 16 Sätzen unterteilt war –, faszinierte ihn so sehr, dass Pit die CD noch ein zweites Mal abspielen ließ, und diesmal dirigierten oder tanzten sie dazu im Sitzen. Noch vergnügter wurden sie, als Hubert erzählte, sein Hobby in der Jugendzeit habe darin bestanden, Bus- und Lastwagengeräusche nicht nur zu erkennen, sondern auch zu imitieren, und der Reihe nach den kernig hämmernden Saurer Schnauzerwagen FBW der VBZ zum Besten gab – der dem FBW-AS47-Kipper mit DD-Motor akustisch zum Verwechseln ähneln sollte –, das weiche, fast vergnügte Schnurren oder Singen des CT1D-Motors des Saurer 4HP, den Saurer 5B von 1931, den 2C von 1942 und den 5C (1947), alles Kipper mit Turbolader und einem höchst sonoren Bass, dazwischen einen Dodge, danach die neuen Saurer, die ihr Grundgeräusch mit einem hohen Heulen überlagerten, und zuletzt den kreischenden Motor des BLD, das ratternde Stakkato eines CR1D-4-Zylinders und die blassen, ungeliebten Baumgartner mit mechanischem Lader, die Hubert despektierlich «Furzer» nannte. Inzwischen läuteten die Glocken zur Mitternachtsmesse, und Hubert prahlte etwas dürftiger mit einem Halbwissen zur Orgel der Sankt-Josefs-Kirche, einer Kuhn Männedorf mit irgendwie besonderen Manualen, das Pit mit einem kurzen Ausflug ins Internet präzisierte. Spontan entschieden sie, die Orgel nun auch anzuhören. Allerdings verließen sie das Haus recht überdreht und alles andere als weihnachtlich gestimmt. Die gesetzte, feierliche Stimmung in der Kirche irritierte Pit deshalb zuerst. Während Hubert weiter plaudern wollte, holte ihn die Schwere seiner letzten Wochen wieder ein. Er vermisste Petzi und ärgerte sich über sich selbst, weil er nicht mit ihr nach Rheineck gefahren war. Auch der Organist ließ ihn leiden, weil er der allgemeinen Schwäche der Menge, die langen Töne abzukürzen, nichts entgegensetzte. Dazu kam, dass Hubert in seinen geflüsterten Witzeleien weiter kaum zu bremsen war. Dann hielt aber der Pfarrer eine Predigt, die sie beide ruhig machte. Er sprach von den verborgenen Schätzen der Menschheit. Ausgangspunkt war nicht die Weihnachtslegende, sondern Markus 10, Vers 21: Und Jesus sah ihn an und liebte ihn und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf dich. «Ich glaube, wir alle kennen dieses Gefühl, dass uns etwas fehlt», begann der Pfarrer. «Oft wissen wir nicht, was, und so rennen wir einer diffusen Lücke nach und versuchen sie zu stopfen. Wir geraten in Not, denn dass wir nicht erkennen können, was uns fehlt, lässt dieses Fehlende immer größer erscheinen. Wir wissen nicht, ist die Lücke außerhalb von uns oder in uns selbst? Sind wir selbst vielleicht in irgen¬deiner Weise beschädigt? Und natürlich erkennen wir, wenn wir uns mit anderen vergleichen oder in uns forschen und grübeln, ganz viele Lücken, viel Leere, viele Mängel. Das macht uns Sorgen, und in unserer Sorge werden wir blind für das, was uns umgibt. Wir haben keine Zeit mehr, uns um andere zu kümmern – beziehungsweise schieben wir die Sorge um unsere Umwelt bis zu dem Zeitpunkt auf, an dem wir uns vervollkommnet haben werden. Was, reden wir uns ein, kann ich anderen schon geben, solange ich selber in der Not bin? Und Jesus sah ihn an und liebte ihn und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf dich. Wenn ich eine Mauer baue, und die Mauer hat eine Lücke, und die Sorge darum, wie ich diese Lücke schließen kann, besetzt meine Gedanken, dann bin ich in der Not. Wenn ich mir dagegen sage: Die Mauer hat eine Lücke, aber brauche ich die Mauer überhaupt?, dann wird die Lücke mit einem Mal zum Tor, zur willkommenen Öffnung hinaus in die Welt, und ich bin meine Sorge los. Die Schätze des Menschen sind nicht sein Besitz, seine Schätze sind die Lücken. Der Schönheitsfleck. Der kleine Makel. Ja, das Gefühl oder die Angst, dass uns etwas fehle, kann überhaupt nur entstehen, solange wir besitzen. Solange wir uns an etwas klammern, an unseren Reichtum, unseren Ruf oder auch unser Können. Man kann alles endlos vervollkommnen, man kann sich bilden, sich stählen, sich operieren lassen, und doch bleibt diese Lücke. Denn was den Menschen liebenswert macht, was jeden einzelnen von uns bedeutsam, einzigartig und unendlich kostbar macht, sind Dinge, nach denen man nicht streben kann. Im Gegenteil, das Streben verschüttet sie. Der Mensch, der nach nichts strebt, ist in sich schön. Der Mensch, der keine Mauer um sich braucht, ist von strahlender Schönheit. Der Mensch, der nichts weiter sein will als Gottes Schöpfung, ist nicht nur unermesslich reich und schön, er entwickelt auch ungeahnte Kraft. Er ist imstande, Jesus nachzufolgen und das Kreuz zu tragen. Das Einfachste ist also zugleich das Größte, Gewaltigste überhaupt, wonach wir streben können. Die Angst macht uns Menschen klein und hässlich. Das Vertrauen darin, dass Gott dich erschaffen hat, wie du bist, weil er dich so – genau so – als vollkommen ansieht, macht dich frei. Frei, andere zu lieben. Für das, was sich in der Lücke offenbart, im Mangel, für das, was nicht Mauer ist. Und Jesus sah ihn an und liebte ihn und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach und nimm das Kreuz auf dich. Amen.» Als Pit und Hubert danach nebeneinander die Kirche verließen, gab es einen Augenblick, in dem sie sich ansahen und wussten, sie suchten beide die Lücke in der Mauer. Das war schön, und als sie danach noch bei Pit ein Bier tranken, sprachen sie anders miteinander. Hubert erzählte von seiner kleinen Sorge, was Edith-Samyra diese Nacht in Thun treiben mochte. Er schimpfte auch mit sich, dass er sie überhaupt hatte gehen lassen – nein, er hatte sie sogar dazu überredet oder schlimmer noch, fast genötigt, obwohl er gleichzeitig nichts so sehr gehofft hatte, als dass sie bei ihrem Entschluss bleiben möge, in Zürich zu bleiben, bei ihm, und mit ihm zu feiern. Und nun meldete sie sich nicht einmal auf eine SMS, die er ihr gleich nach dem Essen geschrieben hatte: «Gänsekeulchen hochgelobt und ratzeputz verspeist. Denke an dich. Frohe Weihnacht.» Danach kamen sie auf Edith-Samyras Angebot zu sprechen, Pit ein Pflegepraktikum in Glarus zu vermitteln. Pit erzählte von Petzis Sorge, was wäre, wenn sie eine Fernbeziehung führten – eine Sorge, die er selbst allmählich teilte. «Was genau ist denn die Sorge?», erkundigte sich Hubert. «Was wohl? Dass wir uns verlieren», sagte Pit. «Hm, ich denke jetzt mit Pfarrer Läuchli», sagte Hubert. «Wenn ich einem Menschen meine Lücke zeige, werde ich so schön, dass der andere gar nicht anders kann, als mich zu lieben. Habe ich das recht verstanden?» «Mag sein», sagte Pit. «Aber was das Glarnerland angeht, so bleibt immer noch mein Ekel vor den Hierarchien. Wenn das Gesundheitswesen wirklich so streng autoritär organisiert ist, wie Edith-Samyra sagt – und sie muss es ja wissen – kriege ich dort die Krätze.» «Wirklich? Ich hätte damit keine Probleme», sagte Hubert. «Mir genügt es, meine Aufgabe zu kennen. Das Drumherum ist mir egal.» «Das ist wohl eine Frage des politischen Bewusstseins», sagte Pit und merkte selbst, wie überheblich er klang. Doch Hubert schien nicht gekränkt. «Ja, vielleicht fehlt mir das politische Bewusstsein», sagte er nur. «Aber ich habe es bisher nicht vermisst.»

Aus «Erich Wyss übt den freien Fall» (Roman Galiani Berlin 2017)

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Es hakt!Von Tim Krohn, am 9.12.2017 08:52

Liebe Miteifernde

Da lief es gerade so wunderbar, da kommt die Nachricht, dass die Maurerarbeiten für die Heizung komplizierter werden - wutsch, sind 10’000 wieder weg. Dabei arbeitet der Maurer schon zum Freundschaftspreis. Daher: Bitte bleibt dran, plant eine Reise in die Val Müstair und sagt’s weiter – auf dass das wunderschöne Haus Parli viele glücklich mache!

Danke Tim

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Haus Parli, Woche 3Von Tim Krohn, am 5.12.2017 10:07

Nachdem ihr uns so reich beschenkt habt, stecken wir das Ziel diese Woche hoch: 33’000.- Das würde bedeuten, dass die gesamte untere Wohnung ihre Heizkörper bekommt. Und weil Weihnachten naht, sende ich jedem, der einen Aufenthalt in Haus Parli verschenken möchte, meine Weihnachtsgeschichte «Maja Padrutt bäckt sich Kinder» zum Vorlesen und Anhören unterm Weihnachtsbaum – wahlweise als Datei, als gewidmetes Skript oder als Audiodatei.

Herzlich Tim

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Zum DankVon Tim Krohn, am 3.12.2017 13:45

Frohen Advent euch allen!

HÖHENANGST Aus «Erich Wyss übt den freien Fall»

Mona war vor der Weihnachtsaufführung so aufgeregt, dass sie sogar noch im Schlaf ihre vier Zeilen rezitierte:

Liebe Tiere, liebe Welt

Wie mein Licht die Nacht erhellt

Soll von nun an eure Liebe

Stärker sein als Hass und Hiebe

Die Verse – wie überhaupt das ganze Stück – hatte Herr Shala geschrieben, ein junger Pädagoge mit kosovarischen Wurzeln, der zusammen mit Frau Friedrich die Kindergartengruppe leitete. Er hatte als Kind und Jugendlicher fünfzehn Jahre lang im Theater Metzenthin gespielt und führte auch Regie. In einem langen Brief an die Eltern hatte er ausgeführt, dass und warum und in welcher Weise das von ihm kreierte Stück konfessionsneutral sei, und darum gebeten, dass auch zu Hause nicht mehr von Weihnachten und dem Christkind gesprochen werde, sondern – think global, act local – vom »Fest der Liebe« und der »Engelsmacht, die Freude schafft«. Er hatte sogar einen neuen Liedtext zu Stille Nacht, heilige Nacht, geschrieben, den die Familienmitglieder auswendig lernen sollten, damit im Anschluss an die Aufführung alle gemeinsam singen konnten. Auch den musste Julia mit Mona jeden Abend vor dem Einschlafen üben, obwohl sie ihn so idiotisch fand, dass er sich ihr schon beim ersten Durchlesen unerbittlich eingebrannt hatte, außerdem sang Mona das Lied tagsüber fast ununterbrochen.

Helle Nacht, Engelsnacht

Maus und Eul’ gemeinsam wacht

Kauz und Rabe mit kräftigem Schall

Selbst die Schäflein im warmen Stall

Rufen einander zu

Liebe im Herzen trägst du

Helle Nacht, Engelsnacht

Alles scherzt, alles lacht

Lernt verzeihen, verbannt die Wut

Jedes Wesen ist rein und gut

Ruft einander zu

Liebe im Herzen trägst du

Und damit, dass alle Anwesenden einander reihum die Hände reichten, sich in die Augen sahen und dem Gegenüber versicherten: »Liebe im Herzen trägst du«, sollte der offizielle Teil des Abends denn auch enden. »Tun wir, was wir können, für eine bessere Welt«, lautete der Schlusssatz von Herrn Shalas Elternbrief. Mona ihrerseits hatte nicht nur darauf bestanden, dass neben ihrer Oma auch Selina, Moritz, Onkel Hubert, Petzi, »Rohrmann«, Jack und Roger zur Inszenierung eingeladen wurden. Sie malte auch jedem Einzelnen einen Engel, den sie mit »Mona« beschriftete, und Julia musste jeweils eine Kopie von Herrn Shalas Brief beilegen. Bis eine Stunde vor der Aufführung war Mona Feuer und Flamme. Erst als die Gäste eintrafen, geriet sie durcheinander. Frau Friedrich musste nämlich eine Änderung bezüglich Herrn Shalas Weisungen bekanntgeben: Das Händeschütteln nach dem Lied sollte auf Anraten der Gesundheitsdirektion ausgelassen werden, um die Gefahr einer Grippe- oder Mumps-Epidemie zu minimieren. Julia übersetzte ihr in Kinderdeutsch, was Frau Friedrich bekanntgegeben hatte, und Mona verstand die Welt nicht mehr. Nachdem sie sich durchs Gedränge zu Frau Friedrich vorgekämpft hatte, wollte sie wissen, ob das Berührungsverbot auch für sie galt. »Das gilt gerade für euch Kinder«, sagte Frau Friedrich, »ihr seid nun mal Virenschleudern. Aber eure Familie dür ihr natürlich umarmen.« Mona heulte schon vor dem letzten Satz los, und es dauerte, bis Julia sie so weit beruhigt hatte, dass sie ihren Kummer in Worte fassen konnte. »Jetzt darf ich Moritz gar nicht auf den Schoß klettern, und Selina auch nicht, und Oma auch nicht«, schluchzte sie. »Dabei bin ich doch ein Engel. Wie mein Licht die Nacht erhellt. Ich bin lieb, niemand ist so lieb wie ich. Ich bin keine Dingsda-Schleuder!« »Nein, das bist du nicht«, versicherte ihr Julia, »und wenn du gestern Moritz auf den Schoß klettern durftest, sehe ich keinen Grund, wieso du es nicht auch heute tun darfst. Gefährlich sind die Viren nur für ganz alte Leute und für Frauen mit einem Baby im Bauch.« Aber Mona fand es schon furchtbar genug, dass die vor ihr Angst haben sollten, wo sie doch ein Engel war und dafür da, dass die Leute keine Angst mehr hatten. Und das Ende vom Lied war, dass sie sich nicht mehr aufs Podest traute, von dem herab sie ihre Verse hätte sagen sollen. »Sie glaubt nicht mehr, dass sie ein Engel ist, und fürchtet abzustürzen«, erklärte Julia Selina, als die kurz hinter die Bühne kam, und als sich die Vorstellung wegen Mona um eine halbe Stunde verzögert hatte, beschloss ihre versammelte Gästeschar, hinter die Bühne zu gehen und ihr gut zuzureden. Außer »Rohrmann«, Jack und Roger, die sich höflich entschuldigt hatten (»Rohrmann« hatte eine Eule mit Engelsflügeln für sie gezeichnet), waren alle gekommen. Selina versuchte sie zu umarmen, doch Mona war ganz außer sich und wollte sich von ihr nicht anfassen geschweige denn trösten lassen. »Ist sie denn dort oben nicht festgemacht?«, fragte Edith-Samyra. »Doch«, sagte Julia, »mit einem soliden Karabinerhaken, außerdem ist das Podest gerade mal 1.50 m hoch.« Während Moritz sich vor Mona hinkniete und mit ihr redete, unterhielt Edith-Samyra die Runde damit, wie sie jeweils ihre Höhenangst bekämpfte. »Es hilft mir, mich mental mit den Mechanismen zu verbinden, die mich sichern«, erklärte sie. »In der Seilbahn stelle ich mir vor, das Seil, die Stützen, die das Seil tragen, und die Sockel, die die Stützen im Boden verankern, seien alle ein Teil von mir, dann fühle ich mich nicht mehr ausgeliefert, sondern stark und raumgreifend. Hänge ich am Kletterseil, bin ich auch der Karabinerhaken, die Klettereisen und der Fels. Nur wenn ich mich frei bewegen muss, auf einem Berggrat beispielsweise oder einem Hausdach, will nichts helfen, da gerate ich in Panik. Seht ihr, ich schwitze bereits, wenn ich davon rede.« Dann richtete sich Moritz wieder auf. »Wir sind einen Schritt weiter«, berichtete er. »Mona geht hoch, wenn Julia sie begleitet.« »Na Prost«, sagte Julia. »Hoffen wir, das Podest hält das aus.« Tatsächlich ging dann alles glatt – außer dass Mona den Text vergessen hatte und Julia ihren Part bestritt. Doch immerhin war Mona schon wieder so weit, dass sie ihren Gästen während der Vorstellung zuwinkte, und als Julia den Einsatz zum Schlusslied verschlief, knuffte sie sie in die Rippen. Und mit dem Schlussapplaus war dann sowieso alles vergessen, Mona kletterte vom Podest wie ein Zicklein, stürzte sich in die Menge, krähte unablässig: »Liebe im Herzen trägst du«, und umarmte alle, die sie zu fassen kriegte. Dann ließ sie sich von ihren Gästen feiern. Julia beschloss, aus ihrem Noteinsatz das Maximum herauszuholen, machte sich auf dem Podest ganz klein und entzog sich so Herrn Shalas Weltumarmungsgeste. Moritz fand sie schließlich dort oben und brachte ihr ein Glas Punsch. »Wie war ich als Engel?«, fragte sie. »Cool«, sagte er, »oder heiß. Jedenfalls das Licht in Person. Und wie fühlt man sich so über allem?« »Frag lieber«, antwortete Julia, »wie sich eine Mutter fühlt, wenn das eigene Kind zur gesellscha lichen Belastung wird und niemand helfen kann als sie – wenn überhaupt.« »Der Applaus wäre ohne euch bestimmt nur halb so groß gewesen«, sagte Moritz. Julia grinste. »Und weißt du, was Mona mir dabei ins Ohr geschrien hat? ’Ich will aber nicht berühmt werden, Mama! Ich will ganz normal sein, so wie du.’ Und ich dachte schon, ich bin ihre Heldin.« Dann sahen sie, wie Pit Edith-Samyra aus der Weltumarmung weg ins Innere des Podests lotste, und kletterten ihnen nach. Gleich stieß auch Selina zu ihnen. Aber Mona entdeckte sie. »Pfui, pfui, pfui«, rief sie und zog alle einzeln hoch. »Kommt, ihr Drückeberger, alles scherzt, alles lacht!« Und als Mona ihre Oma und die Gäste aus der Röntgenstrasse allesamt zum Ringelreihentanzen zwang, wagte nicht einmal Frau Friedrich einzuschreiten.

© Galiani Berlin 2017

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100%Von Tim Krohn, am 2.12.2017 11:30

Liebe Miteifernde

Wir haben unser Ziel erreicht, sind sehr froh und sagen herzlich danke - trotzdem, gefeiert wird noch nicht (mit einer kleinen Ausnahme, siehe unten). Denn natürlich träumen wir von mehr.

Die Heizung ist da, doch noch fehlen die Radiatoren. 25 braucht das Haus, um rundum warm zu sein. Ein Radiator kostet, Einbau inklusive, 1500 Franken. Man rechne …

Um bis zum 21. 12. möglichst viele Räume erschliessen zu können, schalten wir neue Belohnungen auf, vor allem für Menschen, die wirklich Ruhe wollen.

Euch aber doch eine kleine Belohnung vorweg: Jeden Sonntag erscheint an dieser Stelle eine Adventsgeschichte, zuletzt dann auch eine richtig fette Weihnachtsgeschichte - damit ihr, falls ihr denn einen Aufenthalt in Haus Parli verschenken wollt, nicht mit leeren Händen vor den Christbaum tretet.

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Woche 2Von Tim Krohn, am 27.11.2017 21:13

Liebe Miteifernde

Fröhlich nehmen wir die zweite Woche in Angriff. Dazu warten wir mit einigen neuen Belohnungen auf: einem Essen mit der Meisterköchin Anna Pearson, einer kleinen sinnlichen Versenkung und einer Entscheidung fürs Leben fast frei Haus. Denn ja, wir haben gut die Hälfte unseres Wunschbetrags erreicht, doch Ausruhen gilt nicht. Mit Haus Pauli haben wir uns viel vorgenommen, und ganz klammheimlich hoffen wir natürlich, aus dieser Aktion nicht nur die Heizung selbst bestreiten zu können, sondern auch schon den einen oder anderen Radiator. Fünfundzwanzig davon sollen es schlussendlich sein, jeder kostet nochmals rund 1’500 Franken. Deshalb seid so lieb, spielt weiter mit, sprecht eure Freunde an – damit ihr, wenn ihr uns dereinst besucht, auch ganz bestimmt nicht friert.

Herzlich aus der sternenklaren Val Müstair Tim

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Wunderbarer StartVon Tim Krohn, am 23.11.2017 09:41

Liebe UnterstützerInnen, ihr seid grossartig, tausend Dank! Am dritten Tag ist das erste Drittel schon fast voll. Allerdings wird es nach hinten immer schwieriger, bitte sagt’s also weiter, werbt für die schöne Sache.

Liebe Grüsse aus der Val Müstair! Tim

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