Bihać - Бихаћ

In Bosnien wird es langsam warm und frühlingshaft. Das bedeutet für die Menschen, die über die Balkanroute flüchten und hier vorübergehend feststecken: Game! So nennen sie den Versuch nach Europa zu kommen, meist zu Fuß über die minenbestückten Berge, durch Kroatien, Slowenien bis nach Italien, immer darauf bedacht, dass die Drohnen und Wachhunde der Grenzpolizei sie nicht erwischen. Auf den Straßen in Bihać sieht mensch überall Gruppen von jungen Männern auf der Flucht, welche sich mit Rucksäcken, Sportschuhen und möglichst leichter und doch genügend warmer Kleidung auf den Weg machen. Das bedeutet auch, dass es immer mehr Pushbackgruppen geben wird. Gruppen, die nicht zu den wenigen Glücklichen gehören, die es nach Europa schaffen, sondern von der Grenzpolizei erwischt, meist verprügelt und beklaut werden. Sie sind besonders auf Unterstützung angewiesen. Sie brauchen Essen, Kleidung, Schlafsäcke, Schuhe und oft auch medizinische Versorgung.

Diese direkte Hilfe zu leisten, ist in Bihać zu einem grossen Teil Aufgabe der internationalen Freiwilligen, die von der humanitären Krise auf der Balkanroute gehört und gelesen haben und hierher gereist sind um zu unterstützen. Ähnlich sind auch wir, das Frach Kollektiv, hier in Bihać gelandet. Das Frach Kollektiv entstand im Oktober 2020 aus dem Umfeld einer Aktionsküche, die sonst für Demonstrationen oder Klimacamps kocht. Da wir aber Corona-bedingt gerade nicht so viel zu tun hatten, wollten wir uns anderweitig nützlich machen. Ursprünglich war der Plan, für zwei Monate, Februar und März, an die EU Aussengrenze zu reisen, um dort bestehende Strukturen zu unterstützen, aber auch selbst direkte Hilfe für Menschen auf der Flucht zu leisten. Also starteten wir ein Crowdfunding und machten uns, als Ende Dezember das Lipa Camp brannte, sogar schon einen Monat früher auf den Weg nach Bosnien.

Jetzt sind wir seit zwei Monaten vor Ort und haben gelernt, dass «einfach mal zu helfen» weitaus komplizierter ist, als wir uns das vielleicht vorgestellt hatten. Dennoch haben wir mittlerweile Wege gefunden, dringend benötigte direkte Unterstützung zu leisten und einige coole Projekte gestartet!

Wie weiter?

Je länger wir hier sind, desto unvorstellbarer wird es, der Situation in Bosnien Ende März einfach den Rücken zu kehren und bereichert von den Erfahrungen, die wir hier gesammelt haben, zurück in die schweizer Wohlstandsblase zu reisen. Denn die Lage der Menschen auf der Flucht wird sich in den nächsten Jahren nicht verbessern. Und: Wir wollen nicht nur Erfahrungen, sondern auch Verantwortung mit zurück nach Hause nehmen.

Direkte Hilfe bewegt sich in einem ewigen Widerspruch zwischen Pragmatismus und Systemkritik. Sie betreibt Symptombekämpfung und nährt dabei oft die eigentlichen Wurzeln des Problems. Die europäischen Volunteers können zwar bewirken, dass einige Menschen weniger hungrig einschlafen, schüren mit ihrer Präsenz aber auch die Wut der Locals und ihren Konflikt zu Geflüchteten. Die bürgerlichen Medien sorgen mit ihren Mitleids-Narrativen zwar für neue Spendengelder, drücken die Menschen auf der Flucht aber auch immer mehr in eine passive, unmündige Opferrolle, die erschwert, dass sie als autonome, ebenbürtige Menschen wahrgenommen werden. Die grossen Hilfsorganisationen haben zwar die Macht, Camps zu betreiben, werden dabei aber auch selbst Teil der repressiven Strukturen und zu guter letzt ist es auch kaum ein Zufall, dass die grösste Sponsorin humanitärer Hilfe in Bosnien auch die illegalen Pushbacks aus Kroatien, Slowenien und Italien finanziert: Die EU.

Kann direkte Hilfe also überhaupt nachhaltig sein? Macht es Sinn langfristige Unterstützungsstrukturen aufzubauen? War es überhaupt sinnvoll, jemals hierher zu kommen? Mit diesen Fragen sind wir nun plötzlich sehr direkt konfrontiert. Auch wenn wir uns keineswegs anmassen können, Antworten darauf zu kennen, ist für uns am jetzigen Punkt klar, dass wegzusehen keine Option mehr ist. Deshalb wollen wir uns den Widersprüchen unserer Arbeit stellen, weiterlernen und den Versuch wagen auszuprobieren, wie wir die Projekte, die wir hier gestartet haben, weiterentwickeln und langfristig tragen können.

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Ansätze

Für dieses Vorhaben finden wir es wichtig, auch andere Formen der Unterstützung zu erproben und zu finden, bei denen internationale Freiwillige wie wir sich weniger direkt involvieren, als zum Beispiel bei der Versorgung von Menschen, die ein Pushback erlebt haben. So entstand die Zusammenarbeit mit einem lokalen pakistanischen Restaurant, mit dem wir 600 Mahlzeiten pro Woche mit Hilfe eines Voucher Systems herausgeben. Dieses Projekt befindet sich nun momentan im Umbau in eine Form, in der wir es gemeinsam mit den Mitarbeitenden des Restaurants auch von der Schweiz aus weitertragen können.

Ein weiterer Ansatz, die Widersprüche direkter Unterstützung anzugehen, ist Radikalität. Das Ansetzen bei den Wurzeln der Probleme, statt bei den Problemen selbst. Das klingt zwar naheliegend, ist aber nicht so einfach, wenn die Probleme, mit denen mensch täglich konfrontiert ist, über Leben und Tod entscheiden können. In unserem Projekt finden wir diesen Ansatz in der Unterstützung des langfristigen Projekts eines bosnischen Freundes wieder. Dieses hat es sich zum Ziel gemacht, ein Zentrum aufzubauen, in dem eine Gemeinschaft zwischen Menschen aus Bosnien, Internationals und Geflüchteten entstehen soll, die im Einklang mit der Natur wirtschaftet. Ein Zentrum, das aufzeigt, wie eine Welt aussehen könnte, die nicht auf Abschottung und Unterdrückung sondern auf Kollaboration und Vertrauen basiert. Ein Zentrum, das einer Region, die noch von Kriegstraumas und anhaltenden Konflikten belastet ist und schon mit der nächsten Krise konfrontiert wird, endlich Raum für Regeneration bieten soll.

Auch wenn der geplanter Aufenthalt hier vor Ort in Bihac für viele von uns bald zu Ende sein wird, können wir uns nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass unser Projekt nun abgeschlossen sein soll. Im Gegenteil, es beginnt erst jetzt richtig! Wir haben mehr Ideen denn je, wie wir uns in Bosnien einbringen können, haben gesehen, wie nötig es ist und sind noch immer voller Tatendrang. An was es uns also wieder einmal am dringendsten fehlt ist Geld. Wir sind froh um jeden Beitrag!

Das brauchen wir:

  • 500 CHF für Solarpannel und Speicherbatterie für die Stromversorgung des Zentrums
  • 2000 CHF für einen weiteren Schiffscontainer als Stauraum für Maschinen, Werkzeuge und Hilfsgüter für das Zentrum
  • 15’000 CHF für 3 Monate 3 Mal pro Woche 200 Mahlzeiten beim pakistanischen Restaurant für je 2 Franken
  • 7’500 für einen weiteren Monat Nothilfe für Pushbacks (Medikamente, Hilfsgüter, Lagerhausmiete, Unterkunft)

Falls du dich aktiver bei diesem Projekt einbringen möchtest, sei es mit Kommunikationsarbeit, Unterstützung beim Aufsetzen einer Webseite, beim Gründen eines Vereins, mit kreativen Ideen, Geld zu sammeln oder sogar mit einem Einsatz vor Ort, melde dich!

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